Der Klang von Burgwedel

St. Petri Kirche in Burgwedel

Die Kursbestimmung am Stelinger Berg war eindeutig: Mein neues Zielgebiet liegt in Burgwedel. Ich war noch nie dort und bin gespannt, was mich erwartet. Mit allen Sinnen versuche ich diesen Ort zu erfassen und höre plötzlich eine Melodie.


Zunächst bin ich verwirrt: Wo ist dieses Burgwedel denn nun? Auf dem Ortsschild steht Großburgwedel. Der Name täuscht ein bisschen, denn wirklich groß ist dieser Ort im Nordosten von Hannover nicht. Dennoch ist es das erste Mal, dass mich der Wind in bewohntes Gebiet weht. Bisher bin ich immer auf Wiesen, an Seen oder in Wäldern gelandet. Dieses Mal also Großburgwedel. Ich schlendere vorbei an Beeten mit Stiefmütterchen durch eine Fußgängerzone mit kleinen Lädchen, einladenden Cafés und einer sehr gut besuchten Eisdiele. Die Burgwedeler freuen sich, wie ich, an den ersten deutlichen Frühlingsboten.

Intuition braucht Ruhe

Wie soll ich hier meinen Schatz finden? Im Vergleich zur offenen Landschaft gibt es hier so viele Möglichkeiten. Ich bin überfordert. Intuition braucht Ruhe, also setze mich auf eine Holzbank neben einer Sparkasse und lasse mich erstmal auf alles ein. Die Menschen gehen ihren Beschäftigungen nach, viele Radfahrer sind unterwegs.

 

Glockenklang führt mich zu meinem Schatz

Was wollte mir der Wind hier zeigen? Warum Burgwedel? Plötzlich höre ich eine Melodie. Es ist offensichtlich ein Glockenspiel und weil auch der Wind altes Laub in die Richtung weht, aus die der Klang kommt, bin ich mir als Windnomade sicher: Hier muss er sein, mein nächster Schatz. Der Glockenklang kommt von einem Gebäude auf der anderen Straßenseite. Es ist das Optikergeschäft Pielmann. Die Glocken hängen am Giebel des Hauses, die Melodie ist ungewöhnlich. Der letzte Ton des lauten Glockenspiels kommt irritierend verzögert. Vor 50 Jahren habe ihr Vater das Glockenspiel aufhängen lassen, erklärt mir Frau Pielmann. Inzwischen sei es defekt und sie wolle es zeitnah wieder in Ordnung bringen lassen. Auf fast wunderliche Weise wird der fehlende Klang ihres Glockenspiels aber auf der anderen Seite der Straße ergänzt, von der Glocke einer Kirchturmuhr. Es ist offenbar die St. Petri Kirche.

Wind und Wetter hinterlassen ihre Spuren

Sie wurde um 1200 als romanische Kirche erbaut und 200 Jahre später gotisch. Um ein Kreuzrippengewölbe einzuziehen, wurde der Bau um einen Meter erhöht. Der Turm der Kirche erregt meine Aufmerksamkeit. Er ragt weit in den Himmel und ist mit seinen 61 Metern Höhe fast genauso hoch, wie der Stelinger Berg, von dessen Gipfel ich vor etwa einer Stunde meine Seifenblasen auf den Weg geschickt hatte, um ihnen zu folgen. Mit seinen Schießscharten ist es ein wehrhafter Kirchenturm. Wind und Wetter haben über die Jahrhunderte erkennbar ihre Spuren am Mauerwerk hinterlassen und machen den Lauf der Zeit im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar. Mir gefällt das sehr. Auch ein Reliefstein auf der Westseite des Turms ist stark verwittert. Dann wieder erklingt das Glockenspiel von gegenüber, ergänzt durch den einen Glockenschlag der St. Petrikirche.

Die Gemeinde trauert um ihren Pastor Andreas Böger. Plötzlich und unerwartet war er im Alter von 54 Jahren gestorben. Vor einem Monat fand hier in der St.Petrikirche die Trauerfeier statt. Pastor Böger galt als offener Mensch und, ohne ihn kennengelernt zu haben, vermute ich, ihm hätte meine Idee als Windnomade zu reisen, gut gefallen. So werden er und diese Kirche zu meinem nächsten Windnomaden-Schatz.

Die St-Petrikirche in Großburgwedel